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Poesie

Bestimmt kennen Sie es auch, das Gedicht „Kinder“ von Bettina Wegener (siehe am Ende dieses Textes).

Als ich schwanger war, habe ich es zum ersten Mal gesehen und mir standen vor Rührung die Tränen in den Augen. Na ja, vielleicht war es nicht die Rührung, sondern mehr die Hormone. So oder so fand ich es wunderschön und nahm mir vor, meinen Kindern genau so wie im Gedicht zitiert zu begegnen.

 

Ein paar Jährchen älter und einige Erfahrungen sowie 3 Kinder reicher kann ich Ihnen aber flüstern, dass das gar nicht so einfach ist! Wenn man das nämlich genau analysiert, muss man doch etwas realistischer werden und Abschied von Gefühlsduseleien nehmen:

 

Sind so kleine Hände, mit zehn Fingern dran,
grabschen alles schneller als man sehen kann
Besonders interessant ist ja, dass die lieben Kleinen stets dass anfassen, was verboten ist – und nie das, was man aufheben, wegtragen und versorgen könnte....

Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh'n,
staunt man manchmal wirklich, ach so schnell weg geh’n

Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie ein Kleinkind die ganze Zeit herumtragen müssen, weil es nicht laufen möchte? Und Sie es dann kurz abstellen, weil Ihr Rücken so weh tut und das gleiche Kind ähnlich einer Rakete durchstartet und weg ist, bevor Sie überhaupt gemerkt haben, dass da ein Kinderkarussel in der Gegend steht?


Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt,
hören immer das, was man gar nicht glaubt
Als unsere Kinder kleiner waren, konnten mein Mann und ich uns auf Englisch unterhalten, wenn es um etwas ging, das sie nicht verstehen sollten. Als modernde Eltern haben wir unsere Kids ja auch im Frühenglisch schulen lassen – mit dem Resultat, dass sie uns nun plötzlich verstanden. Das Französisch, auf das wir umgestiegen sind, hielt auch nur eine Weile. Bald schon hatte das erste Kind diesen Sprachunterricht in der Schule und damit war dieser Ausweg dann auch geschlossen. Blieb bloss noch Italienisch. Allerdings muss ich zugeben, dass weder ich noch mein Mann diese Sprache sehr gut beherrschen – nun verstehen uns zwar die Kinder nicht mehr, aber wir selbst reden auch aneinander vorbei, seufz.

 


Sind so schöne Münder, sprechen alles aus,
reden ohne Ende, manchmal bloss ein Graus

Ach ja, die Zeit, in der kleine Kinder sprechen lernen, ist etwas wundervolles. Mit jedem neuen Wort schwellt die stolze Mutterbrust weiter an, schliesslich ist es doch eine Leistung, jemandem Sprechen beizubringen. Irgendwann aber wendet sich das Blatt: das leider unverständliche, wenn auch 1000 mal gleich wiederholte, Verlangen des Kleinkindes nervt ein wenig. Könnte das Kind nicht endlich mal den Nuggi rausnehmen und deutlich sprechen? Und noch viel wilder wird’s dann in der Pubertät.... da muss nämlich das gleiche Kind dann stets das letzte Wort haben. Interessant ist bloss, dass selbst dann nicht alles für die Eltern verständlich ist – zwar ist es kein undeutliches Nuscheln mehr, das behindert, sondern vielmehr der jugendliche Slang, den nicht jede Mutter von Anfang an beherrscht.

Sind so klare Augen, die noch alles seh'n,
nur das richtig suchen, will niemand hier versteh’n

Die Glasmurmel, die der Bruder sich geholt hat und die er vorsichtig versteckt hat? Wird im Nullkommanichts entdeckt! Das Stückchen Schokolade, das Mami sich aufsparen wollte und deshalb ganz hinten im Schrank platziert hat? Erblickt und weggegessen, bevor man den Kiefer zu bekommt. Die Antwort auf die Frage, weshalb die ganzen Kleider mitten auf dem Boden liegen und nicht weggeräumt worden sind? „Ich hab sie nicht gesehen“. Das Resultat, wenn man darum bittet, dass das Kind (oder Wahlweise der Ehemann...) etwas im Keller hochholt? „Ich hab es nicht gefunden“. Noch Fragen?

Sie sehen, wenn man Poesie nicht durch die rosa Brille betrachtet, führt sie einen ins bodenständige Leben zurück. Nur gut, dass Mutter Natur uns mit hormonellen Schwankungen gesegnet hat, die uns ab und zu vergessen lassen, wie die Realität aussieht. Und wenn das nicht klappt, müssen wir uns ganz einfach ab und zu selbst die rosa Brille aufsetzen. Wenn wir bloss wüssten, wo wir die hingelegt haben....

 

In diesem Sinne, rosa-real bleiben!

 

Ihre

 

 

Und hier noch das Originalgedicht:

 

Sind so kleine Hände, mit zehn Fingern dran,
darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße, mit so kleinen Zeh'n,
darf man nie drauf treten, könn´ sie sonst nicht gehen.

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt,
darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus,
darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles seh'n,
darf man nie verbinden, könn' sie nichts verstehen.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei,
darf man niemals quälen, geh'n kaputt dabei.

Ist so'n kleines Rückrat, sieht man fast noch nicht,
darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

G'rade klare Menschen, wär'n ein schönes Ziel,
Leute ohne Rückrat haben wir schon zu viel.



Text: Bettina Wegener