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Prosa

man sollte ja meinen, dass man sich mit kindern bestens auskennt, - aber nachdem meine jüngste direkte erfahrung  nun doch schon fast vierzig jahre zurückliegt, habe ich anna um eine "betriebsanleitung" gebeten, als sie zu ihrem fünfzehnten hochzeitstag mit philip ein wochenende im ausland verbringen wollte und die kinder zu mir kamen.

 

und das ist, was ich bekam:

 

bedienungsanleitung kinder

 

achtung!!! emanuel ist in der kletterphase und darf unter keinen umständen alleine auf dem balkon sein!!!

  • die beiden grossen können sich selbst bestens artikulieren und ihre wünsche kundtun, deshalb verzichte ich hier weitgehend auf infos (ja, sie dürfen freitag und samstag auch lange aufbleiben und nein, am sonntag nicht, da gehört patrik um 20.30 uhr und joshua um 21.00 uhr ins bett)

  • emanuel bekommt am morgen einen grossen caotina-schoppen (lauwarme milch mit 3 TL caotina) zusätzlich zum normalen frühstücksbrot. er isst am liebsten nutella-gipfeli oder weggli,, in stückchen geschnitten (empfehlung: lätzli anziehen)

  • mittagsschlaf macht emanuel normalerweise erst um ca. 13 uhr. er ist gewöhnt, dass jemand bei ihm liegt, zumindest bis er einschläft. joshua kann das auch, patrik weniger. seine schlafdauer beträgt normalerweise ca. 1 stunde - wenn er länger schläft, bedeutet das, dass er auch abends länger wach ist. liegt aber in deinem ermessen, wie du's gerne hättest.

  • ansonsten isst emanuel bei den normalen mahlzeiten mit - im moment verweigert er bei mir gemüse vollkommen.

  • dann braucht er noch ein zvieri, dem sich die anderen meistens gerne anschliessen.

  • abends schläft emanuel für gewöhnlich bei uns auf dem sofa ein, wenn ihm danach ist (eben je nach dauer des mittagsschlafes). sollte er dort nicht einschlafen, macht er das dann spätestens im bett. er kann bei dir oder aber zusammen mit joshua schlafen, je nach eurem wunsch. mit patrik klappt das nicht, weil patrik zu viel zappelt und auch nicht weiss, wie er emanuel beruhigen kann, falls dieser nachts einmal wach wird.

  • am freitag schläft er wohl eher früh ein, weil er in der krippe selten mittagsschlaf macht und morgens schon früh aufstehen musste...

  • zu trinken: sirup aus dem schoppen, bei tisch kann er auch aus dem glas trinken (immer nur kleine mengen einfüllen), wobei er da auch gerne milch trinkt oder einen saft (einfach keine kohlensäure).

  • windeln: bitte regelmässig wechseln ;-)...

  • morgens und abends zähne putzen bei emanuel und die zwei anderen ebenfalls dazu auffordern

  • achtung: emanuel wacht am morgen um ca. 7.30 uhr auf, wenn du ihm aber dann die  hand gibst und sagst, dass es zu früh ist, schläft er meistens nochmals für eine stunde ein...(nach ca. 10 minuten)

  • falls emanuel hustet oder schnupfen hat, bitte saft 2x täglich geben und/oder schnupfenspray ebenfalls (wenigstens jeweils vor dem schlafengehen)

  • tipp: ersatznuggi griffbereit ins bett legen (ich habe den jeweils unter dem kopfkissen) - falls emanuel seinen nachts verliert und danach verlangt...

 

das war die theorie. und so war die praxis:

 

nicht nur die beiden grossen können sich selbst artikulieren, auch der kleine kann das mit 2 jahren und 4 monaten sehr konkret. und wenn er etwas nicht will, dann will er es definitiv nicht - aber gott sei dank ist er auch ein kind, das meistens "ja" sagt.

 

erschwerend kam bei uns der umstand dazu, dass ich ja zwei hunde habe. jenna, einen kleinen lhasa apso (sie ist schon 12 jahre alt und will eigentlich nichts anderes als ihre ruhe und insofern sind die kinder ihr auch egal - sie weicht ihnen ins schlafzimmer aus) und paco, einen mittelgrossen "balear-terrier", der genau einen monat älter als emanuel ist und der sich bis jetzt als "das kind im haus" gesehen hat. zwar hat er langsam gelernt, dass die kinder keine feinde sind, aber hin und wieder ist er doch eifersüchtig. vor allen dingen würde er gar zu gerne die gleichen spielsachen benutzen und noch lieber diese zerkauen - was dann jedesmal von einem wütenden emanuel-protestgeheul begleitet wird "paco nööd lego putt mache".

mit anderen worten: bei zwölf  stunden wachsein muss man zwölf stunden dahinterstehen und aufpassen. das hatte ich nicht mehr so in erinnerung - aber vermutlich war es bei mir früher nicht anders. respekt also vor allen müttern! logisch, sie sind jünger, flexibler und leistungsfähiger als ich es mittlerweile bin - trotzdem, es ist ein job, den ich eigentlich heute erst richtig sehe. und gar nicht verstehen kann ich die dame in italien, die unbedingt mit vierundsechzig jahren noch ein kind haben wollte. abgesehen davon, dass dieses kind eine frühe waise werden könnte (gut, das könnten die kinder jüngerer mütter auch) - sie kann dem kind doch in keiner weise mehr gerecht werden. sie kann es sicher lieben und mit aufmerksamkeit überschütten, aber das alleine langt ja dann eben auch nicht.

als die kinder am freitag abend kamen, blieben sie lange auf - logisch, man musste ja die situation auskosten. emanuel fiel plötzlich ein, dass er nun genug hatte und zur mami gehen wollte und es kostete uns alle drei rechte überzeugungskraft, ihn abzulenken. schlussendlich, und bei weitem nicht so früh wie anna gemeint hatte, schlief er dann selig mit joshua im bett ein.

nach einem gelungenen frühstück am samstag morgen sind wir - ich, drei kinder und zwei hunde- in ein nahegelegenes ausflugs-restaurant gefahren, von dem ich wusste, dass es tische im wald aufgestellt hatte und ein kleiner bach mit grossen steinen in der nähe war.

wo hatte ich nur hingedacht? natürlich war der bach für emanuel extrem reizvoll und wenn er steine reinwerfen wollte (was ja logisch war), flog jedes mal der kleine kerl fast mit.  die grossen hatten spass am wasser und den steinen - und schlussendlich spielte emanuel mit einer flasche, in die er kleine steine füllte. jedenfalls gingen wir eher als vorgesehen nach hause, gerade richtig für emanuels mittagsschlaf.

anschliessend wollte er "lego pielen" und danach sind wir, wieder alle fünf, aufgebrochen zum naheliegenden spielplatz. ein wunderschöner spielplatz, mit wasser - und, ach, muss ich mehr sagen? drei glückliche kinder mussten an der wohnungstüre alle kleider ausziehen, damit diese direkt in die waschmaschine wandern konnten - und die kinder selbst wanderten in die bade-wanne.

sie durften sich ihr essen wünschen und sie hatten sich einmütig für "fischstäbli mit parfum-reis und salat (hm, salat eigentlich nur patrik...)" entschieden - und so kochten wir das dann auch. dreissig fischstäbli wanderten in die mägen, emanuel alleine verputzte sieben, war dann aber total happy.

dann durften sie noch "deutschland sucht den superstar" schauen und ich dachte mir "ist das nicht lustig? erwachsene würden wahrscheinlich von den kindern sagen "was, das schauen die schon?" und die kinder würden ebenso wahrscheinlich von mir sagen "was, das schaut die noch?" - joshua hat mir dann noch seinen lieblings-song von pink vorgesungen und ich war überrascht, wie gut er das konnte. das hatte ich noch gar nicht mitbekommen.

auch an diesem abend gingen sie eher spät ins bett und schliefen dann am sonntag ein bisschen länger. den vormittag verbrachten wir zu hause und nachdem emanuel seinen mittagsschlaf gehalten hatte, wollten wir in einen tierpark in der nähe gehen. wir vier - und aus der ostschweiz sollte meine nichte kristina mit ihrer freundin julia dazustossen. julia brachte ihre dreijährige tochter star mit - und dann fiel mir auf, wie gross der unterschied zwischen zwei und drei jahren noch ist - und vor allen dingen, wie gross der unterschied zwischen bub und mädchen ist. während star ihr plüschtier spazierenführte, musste emanuel jeden stein, der im weg lag "schiessen"...

er beäugte star vorsichtig. es war klar, dass sie ihm imponierte - aber er zierte sich, und star entdeckte ihre grosse liebe zum zwölfjährigen joshua, der nicht so recht wusste, ob er sich davon geschmeichelt fühlen sollte, oder ob ihm das auf die nerven ging.

während star's mutter meinte, da wachse ein schwiegersohn heran, der ihr passen könnte (und auch die grossmutter einstimmte, dass star ganz sicher eine adäquate schwieger-enkeltochter werden könnte), zog joshua nur die augenbrauen in die höhe. um aber dann am abend daheim doch festzustellen "na ja, ein altersunterschied von neun jahren wär' ja nicht sooo schlecht".

die kinder fütterten ausgiebig rehli und bewunderten genauso ausgiebig alles weitere getier und alles wäre wunderbar gewesen, wenn nicht dann plötzlich "das schicksal" zugeschlagen hätte:

während ich mit joshua und emanuel langsam den steilen weg hinabstieg, waren kristina  und julia mit star uns ein stück voraus. wir kamen an einer hirsch-statue vorbei, auf die die kinder beim "aufmarsch" (wie fast alle kinder, die vorbei kamen) schon geklettert waren - und da hatten wir noch fotos gemacht. auf dem rückweg lief patrik wieder auf die statue zu (einen neunjährigen führt man ja nicht mehr an der hand) und wollte sie besteigen. er rutsche aber unglücklich aus und eines der hörner des hirsches spiesste ihn buchstäblich auf und  zerriss sein t-shirt, an dessen resten er dann hängenblieb.

gott sei dank hatte julia (sie ist, wie kristina auch, ärztin) den vorfall gesehen und sie rannte sofort los und befreite patrik, der kreidebleich war. sie sorgte dafür, dass er ein taschentuch auf die stark blutende wunde drückte, setze ihn in den kinderwagen und die beiden jungen frauen

mit kinderwagen und star voran eilten zum ausgang - joshua und ich mit emanuel im schlepptau folgten so schnell wie möglich. weit und breit war niemand zu sehen - mein erster gedanke war "notarzt", aber die beiden ärztinnen hatten mich schnell überzeugt, dass wir am besten ins nächste spital fahren sollten.

das machten wir dann auch - und patrik, der sonst immer unser "wehleidiger" war, der bei einem simplen kratzer schon die krise bekam, war bewunderswert tapfer. er hat mir sehr viel respekt abgenötigt, auch im spital, wo seine grosse wunde mit 8 stichen genäht werden musste.

erst dort sah ich, und es ging mir auf, wie nahe an der schlagader die wunde war - und im nachhinein war ich total geschockt. ein stückchen weiter - und vielleicht hätten wir patrik nicht retten können...

was hätte ich dann gemacht? man darf gar nicht daran denken - und mit so einem schuldgefühl hätte ich wahrscheinlich auch nicht weiterleben wollen. natürlich sind anna und philip vernünftige eltern, die dann am abend, als sie zurückkamen, sagten, dass ihnen das gleiche auch hätte passieren können. aber: es war nicht ihnen, es war mir passiert!

und was mache ich nun in zukunft? die kinder nicht mehr nehmen? plötzlich realisierte ich erst, welche verantwortung ich da hatte - vorher war alles so einfach und klar.

besonders zu denken gab mir, dass wir beim frühstück über "narben" geredet hatten. ich weiss nicht mehr, wie die kinder darauf kamen, aber joshua erklärte patrik, dass er immerhin schon eine narbe habe und dass patrik gar nicht mitreden könne. und patrik erklärte weise "ich glaube, dass jeder einmal im leben etwas nähen lassen muss" (nachdem er sich bei mir erkundigt hatte, ob ich diese erfahrung auch schon gemacht hatte). nun hatte er das - und dann erst noch acht stiche, während joshua nur drei hatte...

gibt es so etwas wie vorahnungen? so etwas wie schutzengel gibt es ganz sicher.

am nächsten tag habe ich mich mit dem besitzer des hirsches in verbindung gesetzt, weil ich verhindern will, dass das, was uns passiert ist, einem anderen kind passiert. es könnte ja weniger glück haben als patrik...

dem geht es heute wieder ganz gut, er durfte heute zu hause bleiben und ich bin sicher, dass er morgen all seinen schulkameraden erzählen wird, wie er "beinahe ums leben gekommen ist". aber nachdem er auch im spital so extrem tapfer war, hat er alles recht auf der welt dazu...

und ich habe die ganze reichweite erst am nächsten tag begriffen. man geht am mittag fröhlich aus dem haus, alles ist selbstverständlich - und man kommt gar nicht auf die idee, es könnte anders sein. dabei kann die welt von einer minute auf die andere anders aussehen.

ich sehe diesen unfall als warnung für mich, eben nicht alles als selbstverständlich hinzunehmen.

wie oft jagen wir einem persönlichen erfolg hinterher, einem höheren einkommen? und was nützt das alles, wenn dann eine einzige minute unser leben verändert?

denken sie doch auch öfter einmal darüber nach - ich jedenfalls tue es nun!