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100 Jahre auf der Welt


Ich wurde neulich von meiner Tochter gefragt: «Mami, warst du vor 100 Jahren schon auf der Welt?» Nun denn, bei dieser Frage bleibt noch die Hoffnung, einmal so alt werden zu dürfen, wie man scheinbar bereits aussieht. Früher konnten Mütter nicht nur alt werden sondern auch alt aussehen. Gut, mein Beispiel zeigt, dass dies scheinbar noch heute der Fall sein kann.

Kein Botox – Null Silikon

Wenn ich mir alte Fotos meiner Grossmutter anschaue, züchtig gekleidet und umringt von einer grossen Kinderschar, schien der Besuch beim Fotografen nicht nur eine ernste Angelegenheit gewesen zu sein, sondern eine traurige noch dazu. Entgegen der Spassfoto der heutigen Zeit, blickte die ganze Familie recht düster direkt in die Linse des Fotografen, etwas steif in ihrer gestärkten Wäsche. Es gehörte sich nicht, sich «aufzudonnern», man war etwas älter, hatte Kinder, einen Mann, das reichte. Vielleicht stand meine Grossmutter früher auch mit leisen Seufzern vor dem Spiegel. Mir schien sie aber ein zufriedener Mensch zu sein. Kein Botox, kein Silikon – dafür Jahresringe am Hals und Krähenfüsse an den Augen, Natur pur.

Tiefkühl-Oma mit Walkmen

Ist es nicht der helle Wahnsinn, was in der heutigen Zeit alles möglich ist oder dereinst möglich werden könnte? Einmal anheben, spritzen, saugen und aufpolstern bitte – ab 40 gibt’s den grossen Service mit diversen Ersatzteilen. Sind ein paar Teile noch nicht erfunden, lassen wir uns einfrieren. Irre! Wenn ich solche Pläne höre frage ich mich, wer mich den dereinst eigentlich aus dem Eis holen soll? Meine Ur-Urenkel? Wäre die Frage nach dem WER geklärt, bliebe das WARUM? Was wäre ein Grund, ausgerechnet die Urgrossmutter wieder auftauen zu lassen? Ich meine, würde da jemand auf meine Weisheiten warten? Wohl kaum. Vielleicht wären in 100 Jahren Walkmen voll retro und keiner, ausser mir natürlich, wüsste wie die Dinger funktionieren. Dann wäre die Stunde der Tiefkühl-Grossmutter vielleicht gekommen. Wer weiss...

Pränatal zum Unterricht

Die Kinder meiner Kinder, meine Urgrosskinder sehen zu können wäre ein guter Grund etwas länger zu bleiben, resp. wieder zu kommen. Aber wenn mir die Erziehung der Kinder bereits heute zu sehr nach «Früherziehung und Frühförderung» aussieht, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich von späteren Erziehungstilen viel mitbekommen möchte. Was müssen meine Urgrosskinder einmal– wenn sie noch klein sind – alles können? Früh-Chinesisch oder Ballett im Tragtuch? Alles ist möglich, denn die Frühberatung rät dann vielleicht pränatal zur Früherziehung nach Absprache mit der Frühförderung. Hilfe! Wenn dann ich mit meiner, schon heute, altmodischen «dem Kind Zeit lassen-Theorie» komme, bin ich doch voll unten durch. Mein Ur-Urenkel zeigte – durch meinen schlechten Einfluss – «Sturheit im Förderkurs Nr. 345b» und müsste umgehend abgeklärt werden. Seine Mutter – seines Zeichens meine Ur-Enkelin – hätte Schuldgefühle ohne Ende und zweifelte an ihrer – nein – an der Kompetenz des Pränatalen Beraterteams. So ein Wahnsinn!

Das Leben ist Lernen genug

In der heutigen Zeit ist soviel möglich, was keiner wirklich braucht. Und doch verkauft sich alles irgendwie an irgendwen. Den Dingen ihren Lauf zu lassen, vielleicht etwas träge in die Linse zu schauen, ist ein Genuss den wir uns und unseren Kindern gönnen sollten. Allein das nackte Leben leben, ist Lernen genug. Verpassen sie ruhig eine Frühförderung ihres Kindes. Auch wenn Sie nicht fördern lassen, kommen sie trotzdem ans Ziel. Es dauert alles seine Zeit. Und wenn ihnen die Zeit langsam ausgehen sollte, können sie immer noch hoffen, dass sie nicht nur alt aussehen sonder auch 100 Jahre alt werden.


Übrigens, die Frage meiner Tochter zu meinen 100 Lebensjahren hatte noch eine kleine Fortsetzung. Natürlich verneinte ich meine 100 jährige Anwesenheit auf diesem Planeten. Meine Tochter verstand. Klar, ich war nicht 100 Jahre alt, «Stimmt Mami, das Mittelalter aus dem du stammst ist ja schon viel länger her».


In diesem Sinne grüsse ich Sie herzlich

Stella van Bergen, die mittelalterliche Mutter in den besten Jahren